Gesundheit

Die Erforschung des Themas Gesundheit in Afghanistan und Gesundheit von Afghanen und Afghaninnen in der Diaspora stellt sich – wie alles zum Thema Afghanistan – als kompliziertes Vorhaben dar. Kompliziert wird es vor allem dadurch, dass es mindestens zwei Dimensionen gibt, die in gewisser Hinsicht in einem Spannungsverhältnis zueinanderstehen: Die Dimension der „objektiv messbaren“ Epidemiologie und Sozialepidemiologie einerseits und die Dimension lebensweltlicher Ressourcen, Resilienzen und gesundheitsbezogenen Kompetenzen andererseits.

Was die Dimension der körperlichen, objektiv messbaren Anzeichen betrifft, so wird  gerade in Afghanistan besonders offensichtlich, wie eng die Bevölkerungsgesundheit mit der Geographie (z.B. Entfernung zum nächsten Krankenhaus), der Landwirtschaft (z.B. verfügbare Ernährungsressourcen), der Wirtschaft (z.B. Geld für Angebot und Konsum versorgungs- und gesundheitsbezogener Dienstleistungen) und dem Bildungsniveau (z.B. als die offiziell maßgebliche Determinante für Health Literacy),  verknüpft ist, davon abhängt und diese wiederum beeinflusst. Darüber hinaus ist der seit 1979! andauernde Bürgerkrieg und die damit einhergehenden bewaffneten Konflikte eine besonders maßgebliche Dimension der Bevölkerungsgesundheit. Zu lesen ist häufig, dass die Anzahl der Opfer in diesem Zeitraum 1 Million Menschenleben umfasst, aber die Datenlage ist sehr unübersichtlich. Besser dokumentiert ist die jüngere Zeit nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, wofür  Thomas Ruttig die Anzahl der Opfer auf 200 316 berechnet. Mit anderen Worten: weitgehend unabhängig von der gesundheitlichen Versorgungsstruktur in Afghanistan ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit in Afghanistan kaum abzulösen von den kriegerischen Auseinandersetzungen und Invasionen.

Aufgrund der aktuellen politischen Situation und jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen inklusive der Nebeneffekte wie Zwangsmigration, Flucht, Rückkehr sowie der Topografie Afghanistans fallen die gängigen Gesundheits-Indikatoren der Welt-Gesundheits-Organisation und des United Nations Developmental Program (vgl. hierzu HDR 2018; Zugriff 1.2.2019) sehr schlecht aus. Die durchschnittliche Lebenserwartung, die offiziell seit 2006 kontinuierlich ansteigt, beträgt 2018 nach Angaben des Human Development Reports 64 Jahre (selbst die im angrenzenden Pakistan liegt um ca. 2 Jahre, die im Iran über zehn Jahre höher). Die Säuglings- und Kindersterblichkeitsquoten sind seit Jahren unter den fünf höchsten weltweit (z.B. die Säuglingssterblichkeit wurde 2015 auf 54,9 pro 1000 geschätzt im Vergleich zu 8 pro 1000 in Europa (WHO: Global Health Observatory; Zugriff: 02.02.2019). Schließlich ist die Lage der gesundheitlichen Versorgung regional sehr unterschiedlich: Gerade in ländlichen Regionen ist die Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen sowie des Vorhandenseins von medizinischem Personal stark eingeschränkt Insbesondere mangelt es hier an weiblichen Ärztinnen, Krankenpflegerinnen sowie Hebammen. Ferner wird der Großteil der Gesundheitsdienstleistungen (78,38%) von der Bevölkerung – wobei 54% Prozent aller Afghanen unter der Armutsgrenze lebt – selbst bezahlt oder von internationalen Geldgebern in den Großprojekte BPHS und EPHS mitfinanziert und ist daher maßgeblich von den internationalen geopolitischen Entwicklungen beeinflusst.

Afghanistan wird zusammenfassend in Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung als eindeutiger Problemfall betrachtet. Allerdings ist die Lage auf den zweiten Blick etwas komplizierter. So sind erstens beträchtliche Anstrengungen unternommen worden, um die gesundheitliche Situation in allen Regionen in Afghanistan zu verbessern, was zu einem beträchtlichen Anstieg an medizinischem Personal und Gesundheitseinrichtungen in den Städten, sowohl von öffentlichen als auch privaten Anbietern, führte. Zweitens sind die in den einschlägigen Berichten veröffentlichten Daten extrem ungenau – im Augenblick gibt es bspw. keine gesicherten Daten, wie viele Afghaninnen und Afghanen in Afghanistan leben und es ist wegen der hohen Fluchtmobilität auch kaum verlässlich und nachhaltig abzuschätzen. Wenn dann Daten über die durchschnittliche Lebenserwartung oder Erkrankungsraten präsentiert werden, ist die Validität ernsthaft eingeschränkt. Sinnvoll wäre hier der mittelfristige Aufbau regionaler bzw. kommunaler Gesundheitsstatistiken, die näher an den realen Verhältnissen liegen als Datensammlungen, die in der Regel von Kabul aus gesteuert und verwaltet werden. Und drittens ist das Bild von Afghanistan als gesundheitlichem Problemfall mindestens unvollständig, weil es die familiale oder nachbarschaftliche gesundheitliche Versorgung, die traditionellen Heilverfahren und die vorhandenen Gesundheitskompetenzen entweder ignoriert oder – durch die Brille westlicher Gesundheitsversorgung – von vorneherein als defizitär entwertet. Ohne die realen Probleme leugnen zu wollen, ist dennoch ein Afghanistanbild, das sich mit einer Defizitbestandsaufnahme westlicher Kriterien begnügt, wenig hilfreich. In diesem Sinne würde es aus unserer Sicht darum gehen, der Gesundheitskompetenz (trotz Analphabetismus!) und dem gesundheitsbezogenen Alltagshandeln von afghanischen Familien deutlich mehr Beachtung zu schenken; das ist deshalb aus unserer Sicht zentral, weil die meisten gesundheitsrelevanten Entscheidungen und Verhaltensweisen nicht in der Klinik oder dem Krankenhaus getroffen werden, sondern im Alltag. Mit unserer Forschung möchten wir zu einem breiteren Verständnis von gesundheitsrelevanten Verhalten, Vorstellungen, Einstellungen und Entscheidungsfindungsprozessen, kurz: zu einem theoretisch und empirisch umfassenderen Verständnis der gesundheitlichen Situation in Afghanistan beitragen.

Neben unserem Interesse an Gesundheit in Afghanistan, möchten wir auch zu der – bisher kaum erforschten – (gesundheitlichen) Situation von nach Deutschland zugewanderten Menschen afghanischer Herkunft beitragen. Durch verschiedene Forschungsvorhaben, die im Rahmen BMBF-finanzierter Health Literacy-Forschung durchgeführt werden, wollten wir uns dieser Thematik annähern.

In Deutschland fokussiert sich unser Forschungsinteresse nicht ausschließlich auf die langjährig ansässige und meist gut integrierte Gruppe der Afghanen, welche vor vielen Jahr(zehnt)en nach Deutschland eingewandert sind, sondern betrachtet ebenso die jüngst zugewanderten Menschen. In einem drei-jährigen Forschungsvorhaben begleiteten wir junge Afghanen in ihrem Alltag und erforschten ihre Ressourcen, Kompetenzen, gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (siehe hierzu die Ausführungen zum ELMi-Projekt). Im daran anschließenden Folgeprojekt betrachteten wir die Afghanen in ihren Sprachkursen und wie diese Bildungssettings auf ihre Ressourcen, Kompetenzen etc. eingehen und wie darin Gesundheit gestärkt werden kann (Details zum SCURA-Projekt finden sich hier).

  

Hintergrund: Gesundheit ist ein sehr komplexes und von vielfältigen Aspekten beeinflusstes Thema sowie der Gesundheitszustand lassen sich nicht auf eindimensionale Zusammenhänge zurückführen. Doch gerade in einem Land wie Afghanistan in dem die Mütter- und Kindersterblichkeit […]

  

Hintergrund: Weltweit zeigen Studien, dass der Gesundheitszustand in Zusammenhang mit der Gesundheitskompetenz (Health Literacy) der Individuen steht. Praktiker_innen in Afghanistan betonen, dass die Gesundheitskompetenz der Afghanen sehr gering ist und ein großer Bedarf an gesundheitlicher Aufklärung […]

  

eHealth Literacy und Gesundheit von Minoritäten: Eine ethnographische Untersuchung zum gesundheitsbezogenen Nutzen von neuen Medien unter benachteiligten Jugendlichen mit afghanischem Migrationshintergrund Hintergrund Das Forschungsprojekt ELMi wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert [Förderkennzeichen: 01EL1424E) […]