Andreas Koellreuter, Hans-Ulrich Seidt (Hrsg.) (2015): 40 Jahre Bibliotheca Afghanica. Beiträge zu Recht, Politik und Kultur in Afghanistan. Recht und Politik im Kanton Basel-Landschaft, Band 31. Liestal: Verlag Basel-Landschaft

Die im schweizerischen Liestal beheimatete und vom Ehepaar Paul und Veronika Bucherer-Dietschi gegründete Bibliotheca Afghanica steht im Zentrum dieses Sammelbands. Es ist eine Festschrift zum vierzigjährigen Bestehen der Bibliotheca Afghanica. Und gleichzeitig ist es ein Buch, das viel zur jüngeren Geschichte Afghanistans unmittelbar beiträgt. Die Perspektive, die durchgängig dabei zur Geltung kommt, könnte man als akteurs- bzw. personenorientiert beschreiben. Sie ist in gewisser Hinsicht ein Gegengewicht oder Gegenmodell gegenüber großflächigen theoretischen Grundierungen, wie sie mit dem Funktionalismus, dem historischen Materalismus oder dem Intentionalismus vorliegen. Am ehesten lässt sich diese Perspektive mit Michel Foucaults Archäologie des Wissens in Verbindung bringen, weil sie Dinge dokumentiert, die zu einem großen Teil jenseits massenmedialer Aufmerksamkeit erfolgt und doch häufig im Kern der Geschehnisse rund um die afghanische Geschichte angesiedelt sind.

Dokumentiert werden im sorgfältig edierten Buch viele kleinere Texte von Paul Bucherer und einer großen Anzahl weiterer Weggefährten, die im Laufe der vier Jahrzehnte mit der Bibliotheca Afghanica zu tun hatten. Der wenig reißerische Titel des Sammelbandes ist gewissermaßen Programm. Unaufgeregt erfahren der geneigte Leser und die geneigte Leserin, dass Paul Bucherer aus Liestal mit der afghanischen Geschichte verbunden ist und einigen sichtbaren „Impact“ hatte. Die Bibliotheca Afghanica selbst wurde nach zwei Forschungsreisen des Ehepaars Bucherer-Dietschi zu Beginn der 1970er Jahre als Dokumentationszentrum gegründet. Im Zuge der sowjetischen Besatzung lieferte die Bibliotheca Afghanica dem UN-Sonderberichterstatter Felix Ermacora zur Lage der Menschenrechte in Afghanistan das Material, um die Menschenrechtssituation unter der Sojwetherrschaft sichtbar zu machen. Dieser Bericht wurde nie veröffentlicht, aber: „Im Oktober 1986 kam es in New York zu einem von Moskau vorgeschlagenen ‚Gentleman’s Agreement‘ mit Professor Ermacora: Auf eine Veröffentlichung der für die Sowjetunion verheerenden Untersuchungsergebnisse wurde verzichtet, dafür sagte Moskau zu, umgehend auf bestimmte, für die Zivilbevölkerung besonders beeinträchtigende Formen der Kriegsführung zu verzichten. Nach Schätzungen von Experten wurden auf diese Weise die Opfer unter der Zivilbevölkerung massgeblich reduziert und möglicherweise bis zu 100000 Menchenleben gerettet.“ (Seidt, Koellreuter, S. 19) In den 1990er Jahren war Paul Bucherer in die Friedensbemühungen und Vermittlungsversuche zwischen Royalisten, Sozialisten, Mudschaheddin der Nordallianz und später den Taleban unmittelbar eingebunden, so etwa 1998 um die Chancen einer föderalen Schweizer Lösung für Afghanistan auszuloten (S. 21). Auf Initiative von Burhanuddin Rabbani, der Führer der Nordallianz, und später auch auf Wunsch von Qodratullah Jamal, Kulturminister der Taleban, wurde im Jahr 2000 ein Afghanistan-Museum im Exil eingerichtet und – ein eher seltenes Lehrstück zur Vermeidung von Beutekunst – im Frühjahr 2007 wieder zurück nach Kabul transferiert. Bemerkenswert sind schließlich noch die jüngeren Projekte Türme des Wissens und Phototeca Afghanica. Die Türme des Wissens, die auch an der Pädagogischen Hochschule Freiburg 2015 aufgestellt worden sind, umfassen Bilder und Texttafeln zur afghanischen Geschichte, die als Wanderausstellung konzipiert sind, um Kindern, Jugendlichen, aber auch erwachsene Menschen die Geschichte Afghanistans näher zu bringen und auf diese Weise zur Stärkung eines Nationalbewusstseins beizutragen. Die Phototheca archiviert und dokumentiert historische und aktuelle Photografien aus Afghanistan, um so die jüngere Bild-Geschichte Afghanistans bestmöglich abzubilden (vgl. hierzu ausführlich Wirz et al. 2018).

Der ganze Gestus des Sammelbandes passt gut zu den Auftritten von Paul Bucherer-Dietschi, die stets mit einer großen Bescheidenheit einhergehen. Etwas schade ist, dass Veronika Bucherer-Dietschi im gesamten Buch im Schatten bleibt – ihre Rolle wäre sicherlich ebenfalls bemerkenswert. Es bleibt aber ein Buch, dem mehr als nur kantonale Aufmerksamkeit zu gönnen ist.

Zitierte Literatur

Wirz, Dominic; Schürer-Ries, Anke; Bucherer-Dietschi, Paul (2018): The Visual Heritage of Afghanistan. Photographic Testimonials between Destruction, Decay and Oblivion. In: Bittlingmayer, Uwe H.; Grundmeier, Anne-Marie; Kößler, Reinhart; Sahrai, Fereschta; Sahrai, Diana (eds.): Education and Development in Afghanistan. Challenges and Prospects. Bielefeld: transcript – Reihe Global Studies, S. 281-292.