Craig Naumann (2011): Modernizing Education in Afghanistan. Cycles of Expansion and Contraction in Historical Perspective. Lisbon: Periploi. Craig Naumann (2012): Books, Bullets, and Burqas. Anatomy of a Crisis – Educational Development, Society, and the State in Afghanistan. Münster, New York: Lit Verlag.

Craig Naumann, der lange Jahre in Afghanistan für das Bildungsministerium in Kabul gearbeitet und mit Books, Bullets, and Burqas bei Christian Sigrist promoviert hat, legt mit diesen beiden Büchern einen äußerst konzisen und differenzierten Überblick über die Geschichte der Bildungsexpansion in Afghanistan bis zum Jahr 2010 vor. Der Anspruch, den Naumann setzt, ist vergleichsweise hoch: „I intend to develop the first comprehensive take of the post-Taliban education system and ist historical predecessors and roots“ (2012, S. 4) Das in beiden Büchern präsentierte Zahlenmaterial ist – verglichen mit vielen anderen Darstellungen zur aktuellen und historischen Bildungssituation als vergleichsweise solide und valide einzuschätzen. Das besondere an der Aufbereitung der Daten ist der Differenzierungsgrad etwa der Schulbesuchsquote. Naumann liefert hier nicht nur die häufiger anzutreffende geschlechterdifferente Verteilung der Schulbesuchsquoten, sondern liefert stets auch die massiven regionalen Differenzen, die Afghanistan durchziehen. Mit Blick auf die regionalen Differenzen wird sehr schnell deutlich, dass in Hinblick auf die Bildungssituation in Afghanistan verallgemeinernde Aussagen problematisch sind. So lassen sich im Jahr 2005 eine Reihe von hauptsächlich Provinzen mit pashtunischer Bevölkerungsmehrheit finden, in denen deutlich weniger Mädchen eingeschult sind als Jungen (z.B. Helmand, Kandahar oder Khost), aber auch Provinzen mit pashtunischer Bevölkerungsmehrheit, in denen in Hinblick auf Geschlechterdifferenzen deutlich weniger Ungleichheiten auszumachen sind (Nanghahar, Laghman). Auch wenn Naumann seine theoretische Rahmung eher in der staatskritischen sozialanthropologischen Schule verortet, können seine beiden Studien als gelungene Beispiele für intersektionelle Analysen in den Dimensionen Bildung, Gender und Raum gelesen werden.

In beiden Büchern zeigt Naumann auf, dass es in Afghanistan Phasen der Bildungsexpansion, aber auch Phasen der Bildungskontraktion gegeben hat. Es ist also keine einfache lineare Erfolgsgeschichte, die zu sukzessive mehr Bildungsbeteiligung immer größerer Bevölkerungsanteile führt. Beispielsweise besteht großer Konsens in der Literatur darüber, dass während der sowjetischen Besatzung eine massive Bildungsexpansion erfolgt ist – auch und gerade im tertiären Sektor und insbesondere für Mädchen, die dann während des Bürgerkriegs 1992-1996 und während der Taleban-Herrschaft wieder deutlich zurückgefahren wurde. Naumann kann überzeugend und anhand differenzierten Zahlenmaterials darlegen, wie – offensichtlich bis heute – umkämpft Bildung und Bildungsexpansion in Afghanistan ist. Eine seiner Stärken ist, den Kampf um Bildungsbeteiligung und Bildungsexpansion konsequent mit der in Afghanistan traditionellen Konfliktlinie zwischen Zentrum und Peripherie –  vor allem zwischen einer stärkeren oder schwächeren Zentralregierung in Kabul und den südlichen Provinzen mit pashtunischer Bevölkerungsmehrheit – in Verbindung zu bringen und somit die Frage nach Bildung und Bildungsbeteiligung soziologisch zu analysieren. Staatlich initiierte Schübe und politische Programmatiken der Ausdehnung von Bildungsbeteiligung sind immer im Kontext von geplanten Modernisierungsschüben zu begreifen, durch die die Idee einer Zentralregierung auch in entlegeneren Staatsgebieten besser zu verankern. Das geschieht etwa durch die Standardisierung von Curricula, etwa im Rahmen des Geschichtsunterrichts und durch die Einführung von ein oder zwei Standardsprachen (hier Pashtu und Dari), die etwa der enormen Sprachvielfalt in Afghanistan (in der Literatur finden sich hier ganz unterschiedliche Angaben, aber realistisch sind wohl bis zu 30 unterschiedliche Sprachen) kaum gerecht werden. Die unmittelbare Verbindung zwischen staatlichem Handeln, Modernisierungsabsichten, mit denen der staatliche Herrschaftsanspruch einer Zentralregierung zementiert werden soll und der Investition in Bildung und Bildungsinstitutionen spielt in den Studien von Naumann eine zentrale Rolle. Auch wenn das Zahlenmaterial mittlerweile nicht mehr ganz aktuell ist, die theoretischen Rahmungen sind es ganz sicher nach wie vor und keine Anstrengung, sich mit Bildung in Afghanistan auseinanderzusetzen, kann es sich erlauben, die Studien von Craig Naumann nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Von: Uwe H. Bittlingmayer