G. MacDonald Fraser (Hg.): Der Husar der Königin. Flashmans Abenteuer in Afghanistan. Gütersloh 1973: Reinhard Mohn [Originalausgabe: Flashman – From the Flashman Papers 1839 – 1842, London: Herbert Jenkins Ltd.]

G. MacDonald Fraser (Hg.): Der Husar der Königin. Flashmans Abenteuer in Afghanistan. Gütersloh 1973: Reinhard Mohn [Originalausgabe: Flashman – From the Flashman Papers 1839 – 1842, London: Herbert Jenkins Ltd.].

Dieses Buch wird zu Beginn der 1970er noch als neuer Stern am Himmel der Abenteurer-Literatur gepriesen, in einer Zeit also, in der Afghanistan noch eng mit einem Hippie-Paradies assoziiert wird. Es stützt sich auf autobiografische Aufzeichnungen eines hoch dekorierten britischen Offiziers, die er im hohen Alter niedergeschrieben hat und die vorrangig seine frühe Zeit des aktiven Militärdienstes thematisieren – die so genannten Flashman Papers. Die Frage danach, ob das alles authentisch ist, ist dabei aus meiner Sicht für die hier vertretene soziologische Perspektive deutlich weniger von Interesse (im Unterschied etwa zur Militärgeschichte), als einerseits die Art und Weise, in der in diesen Memoiren die Menschen beschrieben werden, die in den vom Britischen Kolonialreich besetzten Gebieten des heutigen Indiens, Pakistans und Afghanistans leben. Und andererseits als Kontrastfolie die durchgängige Selbstbeschreibung des immerhin als „zweifelhafter Held“ (Klappentext) beschriebenen Harry Flashman. Der zweifelhafte Held stellt sich auf den ersten Seiten als Trinker, Betrüger und Frauenheld vor, den es als britischer Offizier nach Indien verschlägt – Indien wird als Land eingeführt, in dem die „Eingeborenen“ als ein außerordentlich „fügsames, unterwürfiges Sklavenvolk“ (S. 85)  eingeführt. Flashman trifft in Kalkutta auf General Elphinstone, der ihn als Adjutant nach Kabul schickt, in ein Land, das als „eines der übelsten Länder auf dem Globus“ (S. 99) beschrieben wird. Auf den weiteren rund 250 Seiten präsentiert sich Flashman euphemistisch formuliert als das blanke Gegenteil eines Gentlemans – er betrügt, er verrät, er vergewaltigt, er mordet – er würde definitiv nicht als Karl Mai-Held taugen. Gleichzeitig werden die Afghanen durchgängig beschrieben als Menschen, denen man keine Sekunde trauen kann, denen ein Menschenleben nichts wert ist und nichts bedeutet, als Menschen ohne verlässliche Ehre und als Wilde. Das bemerkenswerte an diesen das Buch durchziehenden Gegenüberstellungen ist, dass es sich in einer Reinform, die selten so klar abgebildet wird, um eine ontologische Differenzsetzung zwischen einem britischen Offizier und den Afghanen handelt. Ontologisch meint, sie ist nicht durch empirische Verhaltensweisen zu erschüttern – die Ehre, die Aufklärung, die Rationalität und die Würde liegen auf der Seite des britischen Offiziers, und zwar trotz allen Verstößen gegen einen nur imaginierten Ehrenkodex des Militärs. Die wilden Afghanen sind, vollkommen unabhängig von ihren jeweiligen Handlungen per definitionem nicht in der Lage, den Status der Wilden zu verlassen. Das ist deshalb eine recht spannende Dokumentation eines orientalistischen Denkmusters, weil es anders als zum Beispiel in der bahnbrechenden Referenzstudie „Orientalismus“ von Edward Said oder in dem kaum weniger beeindruckenden Aufsatz „Der Westen und der Rest“ von Stuart Hall mit Verhaltensbeschreibungen auf beiden Seiten arbeitet. Der massive Konstruktionscharakter des Dualismus zwischen Aufklärern und Barbaren wird so – nolens volens – ganz besonders anschaulich. Vor diesem theoretischen Hintergrund ist der neue Stern am Himmel der Abenteurer-Literatur eine spannende Literatur für ein mögliches Verständnis postkolonialer Perspektiven, die diesen Dualismus zu überwinden trachten.