Ganser (2016): Der illegale Krieg gegen Afghanistan 2001

Daniele Ganser ist ein bemerkenswerter und sehr mutiger Mann. Er nimmt den Kampf auf gegen eine gewaltige Diskursmacht und analysiert eine große Anzahl militärischer oder paramilitärischer  Interventionen – (Iran 1953, Guatemala 1954, Ägypten 1956, Kuba 1961, Vietnam 1964, Nicaragua 1981, Serbien 1999; Irak 2003, Lybien 2011, Ukraine 2014, Jemen 2015, Syrien ongoing), darunter auch ein knapp zwanzigseitiges Kapitel zum Krieg 2001 gegen Afghanistan.

Ganser trägt unaufgeregt Fakten und Widersprüchlichkeiten zusammen, die die offizielle Lesart eines durch UNO-Resolutionen abgedeckten und dadurch legitimierten NATO-Militäreinsatzes gegen Afghanistan im Anschluss an die Ereignisse des 11ten Septembers 2001 stark in Zweifel ziehen. Im Stile eines Noam Chomsky stellt Ganser Fragen, die an der bis heute vertretenen auch in Deutschland offiziellen Version gewaltig rütteln.

Nach seiner Einschätzung ist der NATO-geführte Militäreinsatz in Afghanistan ein illegaler Krieg, der mitnichten durch UNO-Resolutionen gedeckt ist und dessen Verantwortliche sich deshalb vor dem internationalen Strafgerichtshof verantworten müssen. Dabei stellt Ganser ebenso deutlich klar, dass auch die sowjetische Invasion von 1979 und die zehnjährige Besatzung Afghanistans als illegaler Krieg betrachtet werden müssen. Aber es gibt zwischen diesen beiden äußeren militärischen Gewalthandlungen eben nicht den Unterschied, dass der eine Krieg legitimer sei als der andere.

Ganser argumentiert einerseits, dass es bis heute „keine saubere Untersuchung“ (S. 193) der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 gegeben hat und allein deshalb eine Ableitung der Legitimität des anschließenden Militäreinsatzes auf wackeligen Beinen steht. Andererseits führt Ganser aus, dass der Angriff der USA auf Afghanistan „nicht über eine solide Resolution des UN-Sicherheitsrates verfügte und daher als illegaler Krieg eingestuft werden muss.“ (S. 198) Dabei spielt die Unterstützung der NATO-Alliierten vielfach militärisch keine entscheidende Rolle – im Falle Polens, Norwegens oder eben auch Deutschlands muss es aber als eigenständiges Ziel verstanden werden, sich als verlässlicher NATO-Bündnispartner zu präsentieren – in einem norwegischen Evaluationsbericht wird das auch ganz offen so benannt, in Deutschland ist diese Position deutlich verschämter.

Ganser erwähnt schließlich auch den jeden menschenrechtlichen Standards (etwa auf eine faire Gerichtsverhandlung oder auf ein Verzicht der Todesstrafe) zuwiderlaufenden Drohneneinsätze, bei denen zwischen 2001 und 2016 Ganser zufolge etwa 6.000 Menschen getötet wurden, darunter 3.000 auf afghanischem und 3.000 auf pakistanischem Staatsgebiet. Bis 2016 wird die Anzahl der Todesopfer auf pakistanischer (80.000) und afghanischer (220.000) auf 300.000 Menschen durch diesen Krieg angegeben. Es ist Ganser in jedem Fall zuzustimmen, dass dieser (und nicht nur dieser) NATO-Krieg gegen Afghanistan nicht zu rechtfertigen ist und es ist ihm sehr zu danken, dass er dieses Buch geschrieben hat.

Ganser, Daniele (2016): Der illegale Krieg gegen Afghanistan 2001. In: Ders.: Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien. Zürich: Orell Füssli-Verlag, S. 187-205.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.