Said Musa Samimy (2016): Afghanistan. Chronik eines gescheiterten Staates. Berlin: Edition Avra.

Von: Uwe H. Bittlingmayer

Said Musa Samimy hat seit den 1980er Jahren eine Reihe von Büchern zum Thema Afghanistan verfasst. Er hat in Kabul Ökonomie studiert und war mit dem Ethnosoziologen/Ethnologen und Soziologen (und Afghanistan-Experten) Christian Sigrist befreundet. Im Zuge der Saur-Revolution zur Flucht gezwungen, kam er nach Deutschland zurück und war für drei Jahrzehnte Redakteur und dann Chef der Afghanistan-Redaktion des Asien-Programms der Deutschen Welle in Köln. Der letzte Umstand begründet, warum dieses Buch über Afghanistan aus meiner Sicht bemerkenswert ist. Denn Samimy hat die Entwicklung in Afghanisten über Jahrzehnte eng journalisitisch und publizistisch begleitet und kann darlegen, dass die aktuelle Einschätzung von Afghanistan als eines gescheiterten Staates bzw. failed state auf Gründe und Ursachenkomplexe zurückgeht, die deutlich weiter zurückreichen als die, die im Zusammenhang mit der seit nunmehr 18 Jahren andauernden militärischen Invasion der NATO-geführten Koalitionstruppen stehen. Diese Position, dass bereits die Grundidee, aus Afghanistan einen Nationalstaat nach westlichem Vorbild zu kreieren, aus historischen und aus soziokulturellen Gründen scheitern muss, findet langsam immer deutlicher Gehör (vgl. u.a. O.-K. Sahrai 2018; Murtazashvili 2019). Die so genannte Schweizer Lösung gewinnt immer wieder – zumindest in akademischen Kreisen und häufig im Exil formuliert – an Charme. Bereits 2001 formuliert Samimy weitsichtig: „Nur eine lockere föderale Struktur des Landes kann eine friedliche Koexistenz aller Volksstämme am Hindukusch auf lange Sicht gewährleisten.“ (S. 125)

Das Buch erfüllt in seiner Anlage also zunächst leicht den proklamierten Anspruch einer Chronik, weil hier eine „Auswahl von Berichten, Analysen und Kommentaren“ (S. 7) dokumentiert werden, die über insgesamt vier Jahrzente zurückreichen. In einem lesenswerten ersten Übersichtskapitel wird nicht nur dem Vielvölkerstaat Afghanistan eine chronische Instabilität attestiert, sondern es wird auch ein deutliches Gegenbild gegen die häufig anzutreffende Verherrlichung des prä-sowjetischen Feudalismus gezeichnet (S. 15ff.). Samimy wird sowohl bei Zaher Shah (S. 32ff.) als auch bei Daud Khan recht deutlich – so formuliert er beispielsweise: „Mit der Aprilrevolution am 27. April 1978 endete die Herrschaft von Sardar Mohammad Daud und Sardar Mohammad Naim, zwei Brüdern also, welche Afghanistan quasi als ihr Eigentum betrachteten und das Schicksal des Volkes nach eigener Willkür bestimmten. […] Daud war ein selbstherrlicher Politiker, dessen autoritäre Denkweise, dessen falsche Einschätzung der politischen Entwicklung im Inneren des Landes und dessen defizitäre Außenpolitik letzten Endes das Land am Hindukusch nachhaltig ruinierten“ (S. 39) Die Bemerkungen zur sowjetischen Rolle in Afghanistan von Samimy sind vergleichsweise kurz, reichen aber aus, um Samimy von jedem Verdacht der Glorifizierung der sowjetischen Intervention freizusprechen (S. 42ff.).

Zentral sind hier aus übergreifender Perspektive ferner zwei Aspekte: Zum einen postuliert Samimy, dass in Afghanistan – traditionell und aktuell – eine intersektionelle Gemengelage aus feudalen Verhältnissen, vor-feudalen Beziehungen, „archaisch“ und kapitalistisch geprägten Bereichen existiert (S. 21 und S. 41). Das macht von vorneherein die Bestimmung von Herrschaftsverhältnissen zu einem notwendig komplexen Unterfangen. Zum anderen kommt Samimy auf der Grundlage seiner Analysen zu einer recht düsteren, aber sicher nicht unrealistischen zeitdiagnostischen Einschätzung: „Das Land wird sich von den Fesseln der umfassenden Abhängigkeit vom Westen und der strategischen Willkür der Nachbarstaaten ohne einen Paradigmenwechsel nicht befreien können; dazu ist die neue Oligarchie, aus einer Reihe von Gründen, weder willens noch fähig. Damit bleibt das Land für absehbare Zeit im Teufelskreis der Armut und der strukturellen Krise verhaften.“ (S. 31)

Auf den nächsten über dreihundert Seiten folgen dann gut lesbare und präzise Kommentare zur jeweiligen Lage in Afghanistan bis 2016, auf deren Grundlage Samimy der mitunter schwierigen Rolle eines Chronisten gerecht wird. Expert*innen wie Nicht*expertinnen erfahren viel über die jahrzehntelangen internen Auseinandersetzungen unterschiedlicher Herrschaftsgruppierungen und auch darüber, dass einige Dimensionen der aktuellen Situation erstaunliche Parallelen mit früheren Einschätzungen aufweisen. So schreibt Samimy in einem Kommentar von 1993: „Die anhaltende Krise Afghanistans ist ein politisches Armutszeugnis der afghanischen Islamisten“ (S. 78) oder in einem Kommentar aus dem Jahr 2000: „(…) die Anmaßung der Führung der radikalislamischen Taliban-Milizen, das Schicksal des Vielvölkerstaats im Alleingang bestimmen zu wollen, ließ den blutigen Bürgerkrieg in einen offenen ‚ethnischen Konflikt‘ ausarten.“ (S. 111) Auch wenn diese Einschätzungen natürlich nicht mehr vollständig die aktuelle Situation beschreiben, liefern sie doch wertvolle Einblicke, wie lange bereits wichtige Konfliktdimensionen andauern.

Vergleichsweise engmaschig werden dann die Jahre nach dem Sturz der Taliban beschrieben, bei denen Samimy in seiner Funktion als Radio-Redakteur sicher eine gewichtige Stimme im deutschsprachigen Afghanistandiskurs war (Kap. V bis Kap. VIII). Hier folgen die Kommentare dichter aufeinander und sind zum Teil stärker auf tagespolitische Ereignisse bezogen. Samimy liefert hier eine große Anzahl von Aspekten, die zum Beispiel das schwierige Verhältnis der eingesetzten Regierung Karzai zu den Invasionstruppen, Phänomene wie die Etablierung einer professionellen „Entführungsindustrie“, die Verselbständigung und Bereicherung der Kriegsprofiteure oder die Fehlsteuerungen von Entwicklungshilfeleistungen beschreiben

Diskussionswürdig und in der Afghanistan-Literatur kontrovers diskutiert ist sicherlich die Bestimmung der Gruppe der Taliban, ihre Entstehungsgeschichte und ihr Verhältnis zu Pakistan. Umstritten dürfte dabei vor allem sein, inwieweit die Taliban tatsächlich als mehr oder weniger vollständig instrumentalisierte und vom pakistanistischen Geheimdienst gesteuerte Gruppe verstanden werden kann – wie es Samimy durchgängig nahe legt (eine andere Perspektive zeigt etwa O.-K. Sahrai 2018 auf). Trotzdem ist das Buch aus meiner Perspektive lesenswert und sicher ein Gewinn für alle, die an der (jüngeren) Geschichte, Ökonomie und Politologie Afghanistans interessiert sind.

 

Referenzen

Murtazashvili, Jennifer (2019): Pathologies of Centralized State Building. In: Prism 8, No. 2, S. 55-67.

Sahrai, Omar-Kahled (2018): Ethnizität, Widerstand und politische Legitimität in pashtunischen Stammesgebieten Afghanistans und Pakistans, Frankfurt am Main: Peter Lang.