Afghanistan als besonders komplexes Forschungsfeld

Afghanistan pendelt seit langer Zeit zwischen westlich-orientalistischen Projektionen sowie militärischen und kulturellen Vereinnahmungsversuchen. Afghanistan ist zudem Thema einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien vor allem aus den Bereichen (entwicklungs-)politikwissenschaftlicher Analysen, Friedens- und Konfliktforschung, Soziologie, Geschichtswissenschaft oder Ethnologie, aber auch künstlerisches Forschen zu dem Land wird in Ansätzen erprobt. Zudem ist Afghanistan von einer enormen – durchaus globalen und oft recht einseitigen – massenmedialen Präsenz geprägt, in der Regel nach besonders massiven Anschlägen mit zahlreichen Todesopfern, auch wenn nur ein Bruchteil der Anschläge und aufständischen Aktionen bis in die schnelllebige massenmediale Aufmerksamkeit vordringt.

Die nunmehr seit vier Jahrzehnten stattfindenden Kriege und gewaltsamen Auseinandersetzungen sind zwar von Deutschland territorial weit entfernt, allerdings ist Afghanistan, durch die absurde Vorstellung, dass unsere Demokratie militärisch in dem zentralasiatischen Land verteidigt wird – so der damalige sozialdemokratische Verteidigungsminister Struck –, nicht nur symbolisch mit dem Schicksal Deutschlands politisch verknüpft worden. Darüber hinaus ist die Gruppe der Menschen mit afghanischer Herkunft mit über 250.000 Personen (Stand 31.12.2017; Statistisches Bundesamt) mittlerweile eine der größten in Deutschland lebenden Migrantengruppen (mit Hot Spots in Hamburg, Frankfurt, München und Freiburg), über die vergleichsweise wenig bekannt ist und die insgesamt, trotz skandalisierter Gewalttaten einzelner afghanischer Flüchtlinge, als eine besonders gut integrierte Diaspora-Gemeinde gilt.

Aus historischer Perspektive ist das territoriale Gebiet Afghanistans – auch wenn es jüngst als südasiatisches Land umdefiniert wurde – ein besonders umkämpftes im Zentrum Asiens, das zum Territorium einer großen Vielzahl von Weltreichen in den jeweiligen Herrschaftsperioden gehörte – von der Einwanderung indogermanischer Steppenvölker über die alexandrinische Eroberung, die Herrschaft des indischen Königs Aschoka und der Blütezeit des Kuschanreichs, über die Feldzüge Dschengis Khans und Timur Lenks bis hin zum Safawidenreich, der Moguldynastie und Nader Shah bis zur Staatsgründung Afghanistans unter Ahmad Shah Durrani, den anglo-afghanischen Kriegen und dem hochgradig umstrittenen Durrand-Vertrag, der große Teile des afghanischen Staatsgebiets dem heutigen Pakistan zuschlägt und der bis heute eine besonders gewichtige Ursache anhaltender Konflikte darstellt (vgl. hierzu den Beitrag zur Geschichte Afghanistans aus dem Länderbericht Afghanistan der Bundeszentrale für politische Bildung von Andreas Wilde). Ein nicht zu unterschätzender Teil der inneren afghanischen Konflikte sind ohne die Kenntnisse der historischen Verläufe von Zuwanderung und abwechselnder Dynastien kaum zu begreifen (siehe auch die Zusammenstellung afghanischer Geschichte von Laila Sahrai).

Gleichzeitig ist aus soziologischer Perspektive das Thema Afghanistan ein besonders schwieriges und komplexes Arbeitsfeld. Etwa weil sich in Afghanistan – und damit sicherlich auch in der Diaspora-Gemeinde! – klassische gesellschaftliche Struktur- und Herrschaftsachsen stark überlagern und verschränken. Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat mit – so die wiederkehrende Zahl in der Literatur – mindestens 30 (teilweise werden bis zu 200 benannt) unterschiedlichen Ethnien. Ethnische Konfliktlinien zwischen politisch-demokratischer Repräsentation und Alleinvertretungsansprüchen der ethnischen Mehrheit sind hierbei nur ein Beispiel. Afghanistan ist ein muslimisches Land, allerdings mit unterschiedlichen Glaubensschwerpunkten – einer sunnitischen Mehrheit stehen dabei eine schiitische Minderheit, eine Hindu- und Sikh-Minderheit oder auch eine ismaelitische Minderheit gegenüber. Die sunnitische Mehrheit ist dabei kein einheitlicher Block, sondern repräsentiert einen aus unterschiedlichen Traditionen zusammengesetzten „Volksislam“, eine historisch weit zurückreichende, teils buddistisch geprägte Sufi-Tradition. Auf der anderen Seite gibt es die erst in jüngerer Vergangenheit von außen gewaltsam aufoktroyierte und zum Teil mittlerweile etablierte deobandische, sowie wahhabitische Glaubensvariante, die durch die oft einseitige Berichterstattung  die Glaubensrichtung der afghanischen Bevölkerung im Ganzen repräsentieren sollen. In ökonomischer Hinsicht – so der langjährige Chef der Afghanistan-Redaktion des Asien-Programms der Deutschen Welle Said Musa Samimy in seinem Buch „Afghanistan. Chronik eines gescheiterten Staates“ (Berlin 2016, S. 21) – bedingen sich ‚Feudalverhältnisse‘, ‚Vorfeudalbeziehungen‘, ‚archaische‘ und selbst ‚kapitalistisch geprägte Bereiche‘ gegenseitig. In Hinblick auf patriarchale Strukturen stehen neben der Burka, die auf einer großen Anzahl der belletristischen Buchproduktionen in Deutschland zu finden ist und eine besonders abnorme Männerherrschaft versinnbildlichen soll, Ministerinnen, afghanische Feministinnen oder bewaffnete Nomadinnen, die zumindest die populäre Vorstellung einer allgemeinen Unterdrückung der afghanischen Frau (immer im Unterschied zur „vollständig emanzipierten und gleichberechtigten westlichen Frau“) einem erheblichen Differenzierungsbedarf aussetzen.

Diese Gemengelage gilt es aus unserer Sicht für eine sozialwissenschaftliche Erforschung Afghanistans zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen. Notwendig sind dabei angemessene gesellschaftstheoretische Modelle, die in der Lage sind, die hier angedeutete Komplexität aufzunehmen. Das sind unserer Ansicht nach etwa intersektionelle Ansätze, in denen das Zusammenspiel unterschiedlicher Strukturdimensionen stärker gewichtet wird, als die Analyse einzelner Strukturmerkmale wie Ökonomie oder das Geschlechterverhältnis; ferner Perspektiven, die die konkreten Vermittlungen allgemeinerer Herrschaftsverhältnisse in den empirischen Projekten untersuchen, das heißt Ansätze, die auf die Analyse der strukturellen Kräfte abzielen, die die empirisch beobachtbaren Phänomene selbst strukturieren. Und schließlich beziehen wir uns auf die Tradition der kritischen Theorie der Gesellschaft sowie postkolonialer Ansätze – beiden gemeinsam ist eine aufklärungskritische (nicht: aufklärungsfeindliche) und herrschaftskritische Perspektive, die etwa gegenüber linearen Fortschrittsideen oder dem klassischen Entwicklungsparadigma gegenüber skeptisch eingestellt sind (wir beziehen uns hier auf die Arbeiten von Reinhart Kößler, Christian Sigrist  und Hanns Wienold). Auch wenn wir nicht unbedingt einen theoretischen Ansatz „radikaler Narration“ verfolgen, gibt es Analogien zur Perspektive von Thomas Loy und Olaf Günther aus ihrem Vorwort zum von ihnen herausgegebenen Buch „Begegnungen am Hindukusch“ (Berlin 2015, S. 6), nicht allzu schnell Antworten auf komplexe Fragen geben zu wollen.

Zwischen solchen allgemeinen theoretischen Konzeptionalisierungen und konkreten empirischen Studien gibt es immer eine Art von theoretischem Gefälle, weil die empirische, häufig projektförmige und drittmittelfinanzierte, d.h. zeitlich begrenzte und output-gesteuerte Arbeit zu Kompromissen nötigt, aber auch, weil die strukturellen Dimensionen, auf die wir hier verweisen, nicht direkt beobachtbar sind. Dennoch bemühen wir uns in den jeweiligen Projekten, im hier dargestellten Sinne theorieorientierte Forschung zu betreiben – dazu gehört etwa eine postkoloniale Subjektorientierung, die von Analphabetismus nicht automatisch auf fehlende Gesundheitskompetenzen schließt (siehe die Beiträge von Stefanie Harsch et al. zur Health Literacy-Forschung in Ghazni), weil literacy nicht unbedingt Health Literacy determiniert oder die intersektionelle Anlage unserer gesundheitsethnologischen Studien (ELMi, SCURA). Abschließend gilt es vielleicht noch zu betonen, dass wir mit diesen hier nur kursorisch präsentierten Überlegungen nicht den Anspruch vertreten, den einzig adäquaten Zugang der Afghanistanforschung zu repräsentieren. Das wäre vollkommen vermessen – deutlich und damit transparent werden sollten vor allem unsere eigenen Überlegungen, mit denen wir uns bemühen, dem aus unserer Sicht besonders komplexen Gegenstand Afghanistans einigermaßen gerecht zu werden. Kritik und Anregungen sind jederzeit willkommen (siehe Kontaktformular der Homepage).