Craig Whitlock (2021): Die Afghanistan Papers. Der Insider-Report über Geheimnisse, Lügen und 20 Jahre Krieg. Berlin: Econ.

Der Titel dieses Sachbuchs ist hoch gegriffen, er soll an die großen Enthüllungen und anschließenden Debatten erinnern, die etwa im Zuge der Pentagon Papers das Ausmaß der systematischen Täuschung der US-amerikanischen Öffentlichkeit während des Vietnam-Krieges enthüllten. Eine weitere nahe liegende Assoziation sind die Panama Papers, die die legalen und illegalen Praktiken des digitalen Kapitalismus und ihres Systems von steuervermeidenden Offshore-Firmen offenlegten. Auch die schwer fassbaren systematischen Überwachungspraktiken der US-Geheimdienste, die Edward Snowden publik gemacht hat (vgl. Greenwald 2014) und die afghanischen und irakischen Kriegstagebücher, die auf der Grundlage der durch Chelsea Mannings weitergereichten Informationen entstanden und die ein brutales (eben realistisches!) Bild des Afghanistan- und Irak-Kriegs gezeichnet haben, inklusive vertuschter Tötungen der afghanischen und irakischen Zivilbevölkerung, kommen bei diesem Titel in den Sinn. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den gerade genannten Beispielen mutiger und riskanter öffentlicher Enthüllungen und dem von Whitlock verfassten Buch Afghanistan Papers: Das meiste Material ist längst bekannt, zumindest für den/diejenige/n, der/die sich etwas länger mit Afghanistan beschäftigt. Die Verwunderung darüber, dass im Rahmen eines solchen Krieges, der mit öffentlichen Geldern demokratischer Staaten finanziert wurde, systematisch gelogen und getäuscht wird, dass veröffentlichte Kennzahlen zu Einschulungsraten, Gebietskontrolle, der gesundheitlichen Versorgung systematisch geschönt sind usw. (vgl. hierzu das Kapitel 16 im Buch, zur Kritik an den präsentierten Zahlen siehe auch Naumann 2011) ist selbst verwunderlich. Der Titel ist also eher eine Marketing-Strategie und mit Blick auf den selbst angelegten impliziten Vergleichsmaßstab der „Paper“ inhaltlich kaum gedeckt.

Das macht das Buch nicht weniger lesenswert, die Lektüre sollte aber von Beginn mit einer gewissen Portion Erwartungsmanagement einhergehen. So ist es sicher keine Überraschung, dass den U.S.A. und ihren Verbündeten eine klare Strategie, ein Ausstiegsplan und mittelfristige Ziele gefehlt haben und alle vier involvierten Präsidenten (Bush, Obama, Trump, Biden) gescheitert sind. Auch hochrangige und in Verantwortung befindliche US-Generäle geben ebenso wie amerikanische Soldaten freimütig zu, keine Ahnung von den Zielen des Krieges gehabt und bis zuletzt nicht gewusst zu haben, wofür der Kriegseinsatz genau da ist, nachdem die Taleban innerhalb kürzester Zeit vertrieben worden sind. Die U.S.A. stehen hier nicht alleine – das gilt natürlich auch für die Verbündeten. Norwegen, eines der wenigen Länder, die die Beteiligung am Afghanistan-Krieg ruhig evaluiert haben, hat als einziges erreichtes Ziel zynisch herausgestrichen, dass sich Norwegen immerhin als verlässlicher NATO-Bündnispartner hat präsentieren können. Common Sense ist ebenfalls, dass die U.S.A. sich durch die beiden parallelen Kriege gegen Afghanistan und gegen den Irak übernommen und zur regionalen Destabilisierung erheblich beigetragen haben.

Es gibt aber auch spannende Details, die in dieser Offenheit eher selten thematisiert werden. So analysiert Whitlock, dass die U.S.A. (und andere Verbündete wie Deutschland, Japan und Italien) dadurch selbst maßgeblich zur systemkritischen Korruption in Afghanistan beigetragen haben, dass sie unverhältnismäßig viel Geld, häufig ungeprüft, in das Land gepumpt haben, viel mehr, als Afghanistan mit Blick auf die eigene Wirtschaftskraft sinnvoll verarbeiten konnte. Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Whitlocks Quellen zufolge ein beträchtlicher Teil der verwendeten Gelder direkt an die Taleban gegangen ist: „Gert Berthold, ein Experte für Wirtschaftskriminalität, war auf dem Höhepunkt des Krieges von 2010 bis 2012 Mitglied einer militärischen Taskforce für Wirtschaftskriminalität, die mittels Analyse von 3000 Verträgen des Verteidigungsministeriums im Wert von 106 Milliarden US-Dollar ermitteln sollte, wer von den Verträgen profitiert hatte. Die Taskforce fand heraus, dass etwa 18 Prozent des Geldes an die Taliban und andere aufständische Gruppen flossen.“ (S. 246) Die Unverhältnismäßigkeit der verwendeten Mittel wird auch durch ein anderes Beispiel dokumentiert. Für die Ausbildung afghanischer Streitkräfte und Polizei stellten die U.S.A. allein 2011 „fast 11 Milliarden Dollar an Militär und Sicherheitshilfen zur Verfügung – das sind über drei Milliarden Dollar mehr, als das benachbarte Pakistan mit seinem Arsenal an Atomwaffen und einer weit leistungsfähigeren Streitkraft für seinen gesamten Militärhaushalt veranschlagt.“ (S. 283/284)

Spannend sind ebenfalls Details eines vollkommen vergeblichen, sehr kostenintensiven Versuchs, den Drogenanbau einzuschränken und unter Kontrolle zu bekommen (vgl. Kap. 11). Durch die engen Verflechtungen von Opium-Anbau und politischen Einflusssphären bescherten im Gegenteil die durchgeführten Opiumvernichtungskampagnen ungewollte Nebeneffekte. „Die Opium-Vernichtungskampagne traf in erster Linie arme Bauern, die keine politischen Verbindungen hatten und keine Bestechungsgelder aufbringen konnten. Allein gelassen und mittellos, wurden sie zu perfekten Rekruten für die Taleban.“ (S. 179)

Schließlich, um ein letztes Beispiel zu nennen, ist Whitlocks Argumentation erwähnenswert, derzufolge die U.S.A. erheblichen Anteil hatten an Hamid Karzais Hinwendung zu den in Afghanistan verhassten so genannten Warlords Mohammed Qasim Farhim Khan und Abdul Rashid Dostum sowie später Gulbuddin Hekmatyar. Dadurch dass die U.S.A. Karzais Stellung und Popularität vor der Wiederwahl unterminierten und offen Karzais Rivalen unterstützten, suchte er den Schulterschluss mit den vormals geächteten und ins Abseits manövrierten Warlords Qasim Fahim Khan und Abdul Rashid Dostum. Whitlock zitiert einen norwegischen Diplomaten, der das – inoffiziell – als eklatante ausländische Einmischung der U.S.A. in die afghanischen Wahlen wertete (S. 227/228).

Solche Details, die gute Lesbarkeit des Buchs und das gut zusammengestellte Material machen die Afghanistan Papers lesenswert. Es gibt aber auch einen systematischen blinden Fleck, den Whitlock wohl selbst nicht bemerkt. Das Buch reproduziert an vielen Stellen trotz aller Enthüllungsrhetorik eine Logik und Geisteshaltung, die sich vermutlich nur mit dem etwas altertümlich anmutenden Begriff als westlicher Imperialismus beschreiben lässt und der in Zeiten postkolonialer (und dekolonialer) Diskurse und Positionen nicht mehr zu rechtfertigen ist (nach wie vor bahnbrechend ist die Analyse von Stuart Hall „Der Westen und der Rest“ – siehe Hall 1994).

Die Beschreibung der Afghan*innen erinnern – wenn auch natürlich nicht so drastisch – an die Beschreibungen MacDonald Frasers Husar der Königin (vgl. die Literaturbesprechung auf dieser Homepage). Afghan*innen werden immer einmal wieder in ihren Verhaltensweisen und Eigenschaften implizit mit Kindern assoziiert – analphabetisch, nicht zählen könnend oder in Unkenntnis, wie eine Toilette benutzt wird. Afghan*innen sind in diesem Narrativ noch nicht ganz zivilisierte, zuweilen nach westlichem Standard irrationale Menschen, denen etwas beigebracht werden muss. Diese Perspektive wird durch Hinweise auf kulturelle Differenzen zwischen den Völkern nur schlecht kaschiert. Das folgende Zitat soll als Beispiel genügen:

„Major Charles Wagenblast, ein Reservist der Army, der für ein Jahr in Ostafghanistan als Nachrichtenoffizier stationiert war, sagte, dass er auf die harte Tour hatte lernen müssen, dass die amerikanische Logik nicht immer mit dem afghanischen Denken in Einklang zu bringen gewesen sei. Im Herbst 2010 machten er und weitere US-Offiziere ihren (Sic!) afghanischen Soldaten den Vorschlag, sich auf den nahenden Winter vorzubereiten, denn einige Unterkünfte verfügten zum Beispiel nicht über fest installierte Heizungen. ‚Für den Fall, dass es kalt wird, habt ihr Junge schon überlegt, irgendwoher Brennholz zu beschaffen? Denn so wird hier normalerweise geheizt. Daraufhin antworteten sie: ‚Nein, es ist ja jetzt noch gar nicht kalt.‘‘ ‚Aber es wird mit Sicherheit kalt werden, ganz bestimmt‘, erwiderte Wagenblast. Doch die afghanischen Soldaten weigerten sich, seinen Worten, dass es kalt werden würde, Glauben zu schenken. ‚Und sie antworten: ‚Ja, aber woher wollen Sie das so genau wissen?‘ Wow, was soll man dann sagen? ‚Ihr braucht Mäntel.‘ – ‚Aber es ist ja jetzt noch gar nicht kalt. Wir besorgen uns Mäntel, wenn es kalt ist.‘“ (S. 286/287)

Ohne besonders tief in die Interpretation einsteigen zu wollen ist zunächst die kategoriale Trennung in ein afghanisches Denken und ein US-amerikanisches, westliches usw. Denken, das hier implizit bleibt, aber offensichtlich mit Eigenschaften wie vorausschauendem Denken, Rationalität usw. gesegnet ist. Angenommen, das Gespräch hat tatsächlich so stattgefunden, dann entbehrt es nicht einer gewissen Komik, dass ein US-amerikanischer Offizier glaubt, den afghanischen Soldaten – in Afghanistan! – erklären zu müssen, wie kalt der dortige Winter wird und was sie zur Vorbereitung am besten tun sollen. Diese Beschreibung beinhaltet, dass der durchschnittliche afghanische Mann/Soldat nicht an die Zukunft denkt, sondern im Hier und Jetzt lebt, vielleicht auch zu faul ist, um Holz für die Vorsorge zu organisieren, insgesamt – als Träger des „afghanischen Denkens“ – eben nicht vorausschauend oder rational handelt.

Eine zweite drastische Schieflage in diesem Buch betrifft die Beschreibung der Opfer dieses Krieges. Während jede/r getötete US-Soldat/in als Person beschrieben wird, die ein bestimmtes Alter, einen Beruf, zum Teil Frau/Mann und Kinder hinterlässt, bleiben afghanische Opfer anonym und ohne jede Eigenschaft. Diese Asymmetrie in den Beschreibungen getöteter Menschen setzt die Logik unterschiedlicher Wertigkeiten menschlichen Lebens fort; das ist gerade in einem Buch, das sich selbst als Enthüllungsjournalismus begreift, nicht akzeptabel.

Das Buch liefert also beides, eindrückliche Quellen und konsistente Analysen über den katastrophalen Krieg in Afghanistan, den Nachweis der systematischen, aber eben nicht überraschenden Täuschung der US-amerikanischen Öffentlichkeit und demokratischen Gremien und zugleich eine Bestätigung westlicher Superiorität. Das ist bei gleichzeitiger militärischer Niederlage und der Rückkehr der Taleban schon eine eigenständige Leistung.

Referenzen

Greenwald, Glenn (2014): Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. München: Droemer.

Hall, Stuart (1994): Der Westen und der Rest: Diskurs und Macht. In: Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. 1st ed. Hamburg: Argument Verlag, S. 137–179.

Naumann, Craig (2011): Modernizing Education in Afghanistan. Cycles of Expansion and Contraction in Historical Perspective. Lisbon: Periploi.

Uwe H. Bittlingmayer, Juni 2022