Thomas Loy & Olaf Günther (Hrsg.), 2015, Begegnungen am Hindukusch. Reihe radikal narrativ / einfach erzählen, hrsg. v. Thomas Loy und Olaf Günther. Berlin: edition tethys.

Die 2015 begründete und von Thomas Loy und Olaf Günther herausgegebene Buchreihe radikal narrativ / einfach erzählen weicht von der Standardproduktion wissenschaftlichen Wissen wohltuend ab. Nach der zunehmenden Industrialisierung auch der Sozial- und Geisteswissenschaften bleiben auch in den high-end-international-peer-review-journal Contributions die wissenschaftlichen Ansprüche weit hinter den aktuellen karrierebezogenen Erfordernissen langer Publikationslisten und profitorientiertem Publikationswesen zurück. Das gilt insbesondere für den Forschungsgegenstand Afghanistan (und einer Reihe weiterer Länder des Globalen Südens), der sich nur mit Mühe und Gewalt in das 30.000 bis 50.000-Zeichen-Standardformat eines Beitrages pressen lässt. Die Idee der Buchreihe ist deshalb konsequent different und wird beschrieben als Wissensproduktion durch dokumentarisches Erzählen, „ohne allzu schnell Antworten auf komplexe Fragen zu geben“ (Loy & Günther, S. 6).

Der Sammelband, der hier kurz vorgestellt werden soll, löst den Anspruch der Reihe mühelos ein. Der Sammelband Begegnungen am Hindukusch scheint auf den ersten Blick eine einfache Sammlung von Reiseberichten zu präsentieren, die aus unterschiedlichen Regionen Afghanistans und in zwei Fällen Pakistans stammen. Diese Erzählungen lesen sich ganz harmlos, stammen aber von (zum Teil sehr) ausgewiesenen Kennern und (nur zwei) Kennerinnen (Ingeborg Baldauf und Ayfer Durdu) Afghanistans. Das führt dazu, dass der/die Leser*in gewissermaßen nebenbei die eine oder andere Information erhält, die das allgemeine in Deutschland vorherrschende Bild über Afghanistan und die Afghan*innen zu differenzieren erlauben.

Der erste Beitrag stammt von Reinhard Schlagintweit, einem bekannten deutschen Diplomaten und deutscher Botschafter in Afghanistan zwischen 1958 und 1961, der von einer Reise in die Sistan-Region (heutige Provinz Nimroz) aus dem Jahr 1960 berichtet. Bereits in diesem Bericht vor über 60 Jahren spielt Wasser eine wichtige Rolle in der Erzählung. Schlagintweit liefert noch ein Post Scriptum aus dem Jahr 2010, fünfzig Jahre nach seiner Reise – und auch hier ist der Verweis auf Wasser, diesmal auf fehlendes wegen verheerender Dürren, zentral, aber eben ohne eine Abhandlung über Wasser in Afghanistan zu sein. Es wird einfach en Passant ersichtlich, wie ubiquitär die Wasserfrage bereits 1960 und umso drängender fünfzig Jahre später ist. Der kurze Beitrag von Manfred Lorenz, der eine einschlägige Einführung in die als äußerst schwierig bekannte pashtunische Sprache verfasst hat, liefert einen kurzen Einblick in die Multilingualität Afghanistans (der Beitrag von Karl Wutt wird hier ausgespart und stattdessen sein Buch Afghanistan. Auf den zweiten Blick besprochen). In der Erzählung von Ingeborg Baldauf sind Motive wie Essen, Gastfreundschaft, Politik und Geschlechterverhältnisse eng verschlungen und aus der Perspektive einer Feldforscherin mit eigenen Beobachtungen instruktiv verknüpft. Der kurze Beitrag von Jürgen Wasim Frembgen über pakistanische Barbierstuben liefert eine einfühlsame ethnologische Beschreibung eines pakistanischen Barbiershops und man erfährt nebenbei, dass die Barbiere (zumindest in Karachi) „ganz überwiegend Anhänger des schiitischen Islam (sind).“ (S. 87) Unter dem vielleicht etwas zu reißerischen Titel „Unter Taleban“ präsentiert Andreas Dürr Erfahrungen, die ein wenig zur Entdämonisierung eines „islamistischen Studierendenmilieus“ in Pakistan und Afghanistan beitragen können. Olaf Günther berichtet kurz, aber eindrucksvoll über seine Begegnung mit einem Malang, einem afghanischen Derwisch und gibt Einblicke in den magischen Alltag religiöser Wanderprediger. Im Text „Die Straße“ berichtet Ali Karimi über die ethnische Minderheit der Hazara und ihre Verbindung zu der rapide wachsenden Hauptstadt Kabul, deren Wachstum nicht zuletzt auf den massiven Zuzug der Hazara, jedenfalls bis 2020, gründet. Im geographischen Fokus steht das Viertel Dasht-e Barchi. Karimi zeigt rapiden sozialen Wandel in Afghanistan durch die soziale Mobilität der Hazara, die als Profiteure der von der NATO und „dem Westen“ etablierten sozialen Strukturen bezeichnet werden können. Auch Thomas Loy erzählt über seinen Besuch im Kabuler Stadtviertel Dasht-e Barchi, nutzt aber seine Begegnung mit einem dortigen Buchhändler und Verleger als Rahmung für die Darstellung eines vom Buchhändler empfohlenen Buchs. Dabei handelt es sich um die Erinnerungen des afghanischen Dichters Abdulqahhar Asi, die sich auf die letzte Phase des kommunistischen Regimes unter Nadschibullah und die Übernahme Kabuls durch die Mudjaheddin 1992 beziehen. Asi schrieb Loy zufolge obwohl der kommunistischen Bewegung nahe stehend bereits in den 1980er Jahren regierungskritische Gedichte und kam 1994 bei einem Raketenangriff in Kabul ums Leben (S. 130-131). Loy referiert Leseeindrücke, übersetzt Passagen des Buches und schildert auf diese Weise Asis Enttäuschung nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, hervorgerufen durch die von den Mudjaheddin verübten Greueltaten, die Asi als Zeitzeuge zugleich festgehalten hat. Auch der bekannte Afghanistan-Experte Lutz Rzehak trägt Beobachtungen aus dem nobleren Stadtviertel Wazir Akbar Khan, „das gewissermaßen als Zehlendorf von Kabul gelten kann“. (S. 138) Auch bei Rzehak erfährt man einiges über das Geschlechterverhältnis, das in der ausländischen Beobachtung sicherlich deutlich reflexiver wird als in der kulturellen Alltagspraxis der Afghan*innen selbst. Seine Beschreibung von Mudschaheddins/Warlords und sie begleitenden thailändischen Prostituierten (so jedenfalls die Einschätzung Rzehaks; S. 141-143), Gäste eines iranischen Nobelrestaurants im Viertel, passen nicht recht zu den üblichen medial vermittelten Vorstellungen Afghanistans, nicht einmal Kabuls. Rzehaks Beschreibung schmarotzender NGO’s, die für den Aufbau Afghanistans während des Krieges bereit gestellten Gelder zweckentfremdeten, schon eher (S. 138-139). Auf wenigen Seiten gibt Hermann Kreutzmann ein beeindruckend differenziertes Bild von dem frühen deutschen Einsatzgebiet in Faizabad. Ayfer Durdu berichtet über die Gelegenheit, eine turkmenische Hochzeit im Norden Afghanistans teilnehmend zu besuchen und schildert ihre Eindrücke. Ein Großteil des lesenswerten Textes widmet sich den Erfahrungen, sich unter einer Burqa sicher und unauffällig zu bewegen. Thomas Ruttig, Deutschlands aktuell vermutlich bekanntester Afghanistankenner, liefert den Schlusspunkt des Sammelbandes, indem er zwei Besuche in Kabul 2011 und 2014 gegenüberstellt. Sein gewohnt differenzierter und kritischer Bericht, vor allem über die Lage 2014, zeigt bereits sieben Jahre vor der Machtübernahme der Taleban mehr als deutlich an, dass der ganze Krieg äußerst fragwürdig und gescheitert ist, gemessen an den hochgesteckten, westlich definierten Zielen.

Das von Thomas Loy und Olaf Günther stark zusammengestellte Buch liefert kein abgerundetes Bild, keine gemeinsame Erzählung Afghanistans, sondern ein spannendes Mosaik unterschiedlicher Regionen, Anlässe, Blickrichtungen. Das macht es umso wertvoller und ist auch sieben Jahre nach Erscheinen noch sehr lesenswert.

Uwe H. Bittlingmayer, Juni 2022

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.